Die Wolken liegen wie eine dicke Decke auf der Ausgrabungsstätte etwas oberhalb des heutigen Korinths. Hier, im antiken Korinth, liegen mehrere historische Epochen Schicht für Schicht übereinander. Der Apollontempel erzählt eine der ältesten Geschichten, von einer Stadt aus der Mitte des 6. Jahrhunderts vor Christus. Diese wurde 146 v. Chr. von den Römern zerstört. Der Tempel ist damit eines der wenigen sichtbaren Überbleibsel dieser vergangenen Epoche.
44 v. Chr. wurde Korinth als römische Kolonie neu gegründet und begann eine neue Geschichte zu schreiben – durch deren Überreste ich an diesem Nachmittag spaziere. Und während ich durch diese alte Stadt gehe, begegne ich nicht nur ihrer Geschichte. Ich begegne auch Paulus wieder – und beginne, seine Briefe ein kleines bisschen anders zu lesen.
Auf den Spuren von Paulus in Korinth
Es ist jenes Korinth, in dem auch Paulus etwa eineinhalb Jahre lebte, nachdem er aus Athen weitergezogen war. Ich schlendere jene Hauptstraße – oder das, was von ihr noch übrig ist – entlang, die auch er oft genommen haben muss, hinunter zum Marktplatz.
Mithilfe des Übersichtsplans kann ich mir vorstellen, wie sich hier die Geschäfte neben mir erhoben haben, wie Leute in ihnen eingekauft haben, über den Platz geeilt sind, gehandelt haben oder miteinander diskutiert haben. Vor mir erheben sich die Reste des sogenannten Bema, einer Rednertribüne. Hier musste sich Paulus vor Gericht verantworten. Auch davon erzählt die Apostelgeschichte.
Bema Bema (Rednertribüne)
Paulus und die junge Gemeinde in Korinth
Als Zeltmacher fand Paulus leicht Anschluss. In Korinth traf er auf Aquila und Priscilla, die dasselbe Handwerk ausübten wie er. Aufgrund seiner strategischen Lage zog Korinth viele Reisende in die Stadt und war eine multikulturelle, weltoffene Handelsstadt. Paulus traf hier wahrscheinlich auf Griechen, Römer, Juden, Perser und Menschen anderer Nationalitäten und Religionen.
Er selbst gründete hier eine der ersten christlichen Gemeinden, mit der er später in regem Briefkontakt stand. Zwei Briefe an die Gemeinde in Korinth sind Teil des Neuen Testaments.
Ich bin ehrlich mit dir, ich fand die Korintherbriefe immer etwas schwer zu lesen. Paulus schichtet darin Verhaltensregeln und Vorschriften aufeinander, bis man als Leser ein wenig die Lust verliert, und ich habe mich nicht nur einmal gefragt, warum er alles so eng sieht.
Hier stehend ist es ein bisschen wie zuvor auf dem Areopag in Athen: als würde ich neben Paulus hergehen und ihn langsam besser verstehen lernen.
Die Gemeinde hier war eine völlig neue. Menschen aus unterschiedlichen Nationen und Religionen, mit völlig verschiedenen Biografien und finanziellen Mitteln taten sich zu einer Gruppe zusammen – als Christen. Zu einer Gemeinschaft, wie sie sie vorher nicht gekannt hatten.
Wenn ich das im Blick behalte, ergeben die Korintherbriefe plötzlich viel mehr Sinn. Langsam beginne ich zu verstehen, warum Paulus diese Dinge geschrieben hat und warum gerade auf diese Weise. Nachdem er weitergezogen war, versuchte er aus der Ferne zu schlichten – mit Klarheit, mit Briefen, die sich manchmal ein bisschen wie ein Regelwerk lesen.

Museum Korinth
Das Hohelied der Liebe im 1. Korintherbrief
Und dann gibt es da diese eine Stelle im 1. Korintherbrief. Eine wunderschöne, poetische. Du kennst sie vielleicht von Hochzeiten – das Hohelied der Liebe. Dabei ist sie eigentlich gar nicht als romantischer Hochzeitstext geschrieben. Sie steht mitten in einem Brief an eine Gemeinde, in der gestritten, verglichen und um den richtigen Weg gerungen wird.
Paulus erklärt ihnen zuerst, dass sie zusammengehören. Dass der eine etwas kann, was der andere nicht kann. Wie Arme und Beine verschieden sind und trotzdem zu demselben Körper gehören. Und dann schreibt er:
„Ich zeige euch jetzt noch einen anderen Weg, einen, der alles übersteigt.“
(1. Korinther 12,31b)
Dieser andere Weg ist die Liebe. Paulus sagt: Du kannst noch so viel wissen, noch so überzeugend reden, noch so fest glauben – wenn die Liebe fehlt, ist all das nichts. Nur sagt er es viel schöner:
„Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.
Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte, wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts.
Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte und wenn ich meinen Leib dem Feuer übergäbe, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts.
(…)
Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig.
Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf.
Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf.“
(1. Korinther 13,4–8)
Wenn wir uns ehrlich sind: Das ist nicht immer die Liebe, die wir lebe. Unsere Liebe hängt oft an Gefühlen, Erwartungen, Verletzungen, Stolz oder Angst. Und so stehe ich auf diesem Marktplatz, auf dem Paulus einst stand, und sehe ihn plötzlich ein bisschen anders.
Vielleicht war er nicht nur der strenge Mahner, für den ich ihn lange gehalten habe. Vielleicht war er auch ein Poet. Einer, der wusste, wie schwierig Menschen miteinander sein können – und trotzdem daran glaubte, dass am Ende etwas anderes zählt. Die Liebe. Und sage mir und dir, mit seinen Worten: „Jagt der Liebe nach!“ (Apostelgeschichte 14,1)
