Kühler Fahrtwind streift mein Gesicht. Ich sitze im oberen, offenen Deck eines Sightseeing-Busses, der mich durch die Straßen Athens fährt, während ich durch Kopfhörer Geschichten über die Stadt und ihre Vergangenheit höre. Es ist Anfang Januar, aber die Sonne wärmt die Straßen der Stadt, und so sind sie gesäumt von Menschen, die in den Cafés draußen sitzen und ihren morgendlichen Kaffee genießen. Nach einer ausgiebigen Rundfahrt, geht es hinauf zum Wahrzeichen der Stadt, das über ihr thront – zur Akropolis. Gemeinsam mit dem Strom der Touristen gehe ich auf diese zu. Am Ende der Straße biege ich aber nicht wie sie rechts, sondern links ab. Heute will ich nicht zur Akropolis, sondern zum Areopag. Diesen etwas sperrigen Namen trägt der felsige Hügel unweit der Akropolis, den ich an diesem Morgen entschlossen hinaufsteige. Schon seit ein paar Tagen freue ich mich darauf, von hier die Aussicht zu genießen und der Geschichte nachzuspüren, die sich hier vor beinah 2000 Jahren abgespielt haben soll.

Der Areopag – ein Felsen mit Geschichte

Der Blick auf die Stadt ist wirklich ausgezeichnet. In vielfältigen Beigetönen reihen sich ihre Häuser beinah nahtlos aneinander. Dieses Meer aus Cremeweiß, Ockerfarben und Eierschalengelb wird nur von einigen wenigen Gebäuden unterbrochen, die sich für ein rebellisches Orange oder Blau als Fassadenfarbe entschieden haben, und von ein paar Zypressen im Vordergrund. Dahinter erheben sich sanfte Hügel vor dem blauen Himmel.

Es wäre schon allein wegen dieser Aussicht ein Ort, an dem man eine Weile sitzen bleiben möchte. Aber der eigentliche Grund, warum ich hierhergekommen bin, liegt fast 2000 Jahre zurück.

Blick vom Areopag auf die Stadt

Als Paulus nach Athen kam

Wir kennen diesesn Hügel aus einem antiken Text: der Apostelgeschichte. Sie erzählt uns vom Apostel Paulus. Dieser hatte zunächst die frühe christliche Bewegung verfolgt. Nach einem einschneidenden Erlebnis änderte sich sein Leben jedoch grundlegend, und aus dem Verfolger wurde einer ihrer bekanntesten Verkündiger. Dafür machte er einige Missionsreisen, und eine davon brachte ihn schließlich nach Athen.

Er muss ein recht, sagen wir, temperamentvoller Mann gewesen sein. Auf dem Athener Marktplatz regte er sich lautstarkt über all die Heiligtümer griechischer Götter auf, die ihm an allerlei Orten der Stadt begegneten. Irgendwann hatte er wohl die Neugier der Athener geweckt und diese brachten ihn kurzerhand hierher, zum Areopag. Der Name bezeichnet sowohl den Felsen als auch den dort tagenden Rat. Paulus sollte erklären was sein Problem war und was es mit der Lehre auf sich hatte, von der er überall sprach. Daraufhin hielt Paulus eine Rede, die ich vor einiger Zeit gelesen habe. Ich habe ihr aber ehrlicherweise, nicht allzu viel Beachtung geschenkt. – Bis heute.

Erst jetzt, wo ich hier sitze, ergibt sie plötzlich Sinn für mich. Während der Parthenon auf der Akropolis beinah verstohlen zu mir herüber zu lugen scheint, lese ich noch einmal Paulus Worte: „Gott, der die Welt erschaffen hat und alles in ihr, er der Herr über Himmel und Erde, wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhand gemacht sind.“ (Apg. 17,22-24)

Diese Worte schienen mir beim Lesen nicht wahnsinnig revolutionär. Erst jetzt wo die Geschichte hier oben zum Leben erwacht, wird mir klar, dass sie es waren. Er sagte das nicht irgendwo. Er sagte das in Athen – in einer Stadt voller Tempel und Heiligtümer. Und über ihm erhob sich die Akropolis mit dem Parthenon, dem großen Tempel der Athene.

Blcik hinüber zum Parhennon auf der Akropolis

Wenn Geschichte plötzlich lebendig wird

Erst durch meinen Besuch hier wird dieser Geschichte Leben eingehaucht. Ich kann mir vorstellen, wie Paulus hier stand, wo ich heute sitze, umringt von Athenern, vor der Kulisse der Stadt und der Akropolis. Wie er diese feurige Rede hielt. Wie dieses Feuer auf manche überschwappte und sie ansteckte (einige schlossen sich ihm an Apg. 17,34) und wie einige ihn verspotteten (Apg. 17,32). Die Geschichte wird hier lebendig.

Und ich denke, wie wichtig das ist. Ich bin ein großer Fan davon, die Bibel zu lesen. Wer sich die Frage stellt, ob es Gott gibt, für den lohnt es sich meiner Meinung nach, einen Blick ins neue Testament zu werfen. Auch wenn man nicht an Gott glaubt, finde ich es spannend, diese antiken Texte zu lesen, die uns in die Welt des ersten Jahrhunderts hineinführen.

Man begegnet Menschen, ihren Hoffnungen und Ängsten, ihren Konflikten und Fragen. So oder so ist es faszinierend, sich durch eine Geschichte führen zu lassen, die vor fast 2000 Jahren stattgefunden hat. Noch interessanter wird es natürlich, wenn die Vergangenheit wie hier zu erwachen und lebendig zu werden scheint. (Oder in Korinth, wo ich am nächsten Tag hinfahre und du hier nachlesen kannst.)

Natürlich kann nicht jeder einfach nach Athen oder Korinth reisen, um solche Orte selbst zu erleben. Aber es gibt andere Wege, diese Welt ein Stück lebendiger werden zu lassen. Einer davon ist für mich eine wirklich gut gemachte Serie: THE CHOSEN. Du findest sie hier: https://watch.thechosen.tv/

Sie erzählt die Geschichten rund um Jesus und seine Jünger auf eine sehr lebendige Weise und versucht dabei, auch die Welt des ersten Jahrhunderts sichtbar zu machen – mit viel Liebe zum historischen Umfeld, spannenden Dialogen und großartigen Schauspielern. Natürlich sind manche Szenen und Gespräche für die Serie ergänzt, aber gerade dadurch bekommen die Geschichten und Personen für mich noch einmal ganz neues Leben.

Kleine Warnung von mir: Die ersten zwei Folgen haben mich noch nicht besonders gepackt. Danach wurde es für mich aber richtig gut – also im Zweifel durchhalten oder überspringen. ;)

Viel Spaß beim Schauen und liebe Grüße aus Athen,

Marie-Theres

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